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Traum oder Wirklichkeit?
Er kannte sie schon sehr lange, sie waren zusammen in die
Schule gegangen. Sie in die Mädchenklasse und er in die der Jungs.
Sie hatten besprochen, einen kleinen Ausflug mit dem
Fahrrad zu machen. Er sollte die Fahrräder besorgen und sie die feinen
Happen. Und so wartete er nun am geheimen Treffpunkt am Rande des Waldes.
Ungeduldig! Würde sie kommen?
Ihre Eltern sahen es nicht gern, dass sie sich trafen,
vor allem, weil er arm war. Aber seitdem sie erfahren hatten, dass er
Theologie studieren wolle, um Pfarrer zu werden, hatten sie sich beruhigt,
weil er als Katholik sowieso nicht heiraten konnte. „Aber warum will er sie
dann treffen?“ – war die Frage ihrer Eltern, auch seine Familie verstand es
nicht. Und wenn er Marie, mit dem heiligen Namen, von seinen Plänen erzählte,
wurde sie ein bisschen eifersüchtig, dass Gott für ihn wichtiger als sie war.
Aber seine Sorge war umsonst, sie kam pünktlicher als die
Kirchenuhr. Denn letztere schlug manchmal 5 oder 10 Minuten zu spät,
vereinzelt auch gar nicht, abhängig davon, wie betrunken der Dorfpfarrer eben
war. „Willst du auch so einer werden?“ – fragte sie ihn dann vorwurfsvoll.
Sehnsüchtig schlang sie ihre Arme um seinen Hals und er
streichelte zärtlich ihr Haar, das lang über ihre Schultern bis zu den Hüften
fiel. Ja, er liebte sie mehr als Gott, viel tiefer. Aber um Gott musste er
nicht gegen ehrgeizige Eltern kämpfen, die ihre Tochter nicht mit irgendeinem
Dahergelaufenen verheiraten wollten.
Sie fuhr voraus, als wollte sie um die Wette fahren. Oder
konnte sie es nicht mehr erwarten, in den Wald zu kommen, wo sie vor
störenden Blicken verschont waren. Wild flog ihr langes Haar im Wind. Er
begehrte sie, wie ein Mann sich nach einer Frau sehnt.
Schließlich kamen sie an eine kleine Lichtung mit einer
Quelle. Zielstrebig ging sie auf einen bestimmten Ort zu, sie musste ihn
schon kennen, legte die Decke aus, stellte das Essen und Trinken darauf und
lud ihn ein, sich neben ihr niederzulassen. Die Decke war nicht groß,
vielleicht absichtlich, so dass sie sich an mehreren Stellen berührten, fast
aneinander schmiegten. Sie machte kleine Happen und fütterte ihn, er ließ
sich verwöhnen, oder umsorgen, oder bemuttern, oder einfach lieben. Er war
nicht der Mensch, der sich gerne widersetzte.
Manchmal verschmierte sie auch absichtlich ein bisschen
Speise um seinen Mund, um es mit einem Zungenkuss abzulecken. Immer wilder
wurden diese kleinen Spielchen, bis sie sich schließlich langsam die Kleider
vom Leib gezerrt hatten, um sich gegenseitig ins Paradies zu schicken.
Mehrmals noch tranken sie an diesem wunderschönen Tag
voneinander.
Auf der Rückfahrt waren sie dann still. So ein Geschehnis
war nicht das Erste gewesen, aber jetzt sollte es für eine Zeit das Letzte
gewesen sein. Als ihre Siedlung in Sicht kam, hielt sie an. Sie wollte sich
noch einmal in seine Arme werfen, weil sie wusste, dass es für lange Zeit,
oder vielleicht für immer das letzte Mal war.
Danach ging sie los, zu Fuß, er wartete noch ein
bisschen, bevor er zuerst mit dem einen Fahrrad und dann später mit dem
anderen zurückfuhr. Keiner sollte erfahren, dass sie sich getroffen hatten.
Und sie hatte mitgemacht.
Als sie sich umdrehte, standen ihr die Tränen in den
Augen. Jetzt weinte auch er, wie ein Kind. Was sollte er tun?
Er wachte auf und saß auf seiner Bank im Klostergarten im
Schatten des Baumes, den er selbst 50 Jahre vorher gepflanzt hatte, und
dankte Gott, dass er ihn auch diese schönste Seite des Lebens hatte
kennenlernen lassen.
Einige Brüder kamen vorbei, um ihn zu suchen, weil er
nicht beim nachmittäglichen Gebet erschienen war. Er hatte ein sonderbar
zufriedenes Lächeln auf dem Gesicht. „Wahrscheinlich hat er Gott in seiner
Herrlichkeit gesehen!“ – dachten die Dummen. Aber die meisten wussten, dass
er auf Erden noch einmal glücklich gewesen war.
Aber was wäre passiert, hätte er weitergeträumt? Oder
hatte er diesen Teil absichtlich verdrängt?
Seinen Brüdern und Schwestern war er als absolut keusch
und moralisch bekannt. Jungfrau Maria in männlicher Gestalt, und dazu noch
weise. Kam denn keiner auf die Idee, darüber nachzudenken, woher diese
Fähigkeit, sich in die Situation anderer hineinzuversetzen, gekommen war?
Gibt es doch Dinge, die man erleben muss, und nicht aus Büchern lernen kann!
Sehr oft hatte er ihnen Ratschläge gegeben, zerstrittene Paare wieder
zusammengeführt.
Ja, manchmal träumte er auch weiter, wie er sie traf, als
er schon Geistlicher und sie verheiratet war, oder von anderen kleineren
Liebeleien. Aber nicht heute! Heute wollte er einfach glücklich sein, wie
jeder andere Sündige.
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Traum oder Wirklichkeit?
Sunday, 18 October 2015
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